"Wandelseele" von Julia A. Jorges
Unerkannt leben sie unter den einfachen Menschen: Wandelseelen.
Sie sind fähig zur Reinkarnation und verfügen über besondere Begabungen, doch dafür brauchen sie fremde Lebensenergie.
Studentin Sine hat gerade erst erfahren, dass sie eine solche Wandelseele ist. Doch sie ist nicht imstande, ihren Drang, fremde Energie zu zehren, zu kontrollieren. Das macht sie zu einer Gefahr für ihre Mitmenschen.
Als der Scout Darius Korweyn sich ihrer annimmt, hofft sie auf Unterstützung durch ihresgleichen in einem Gildenhaus bei Paris. Sie findet Vertraute und sogar neue Freunde. Doch schon bald gerät sie in einen Konflikt der Mächtigen, der sie um ihr Leben fürchten lässt und sie zwingt, in die Katakomben von Paris hinabzusteigen.
Taschenbuch
ISBN: 978-3-946381-73-0
408 Seiten, Preis: 15,00 €
E-Book (nicht hier im Shop erhältlich)
ISBN: 978-3-946381-75-4 (epub)
Preis: 4,99 €
Sie sind fähig zur Reinkarnation und verfügen über besondere Begabungen, doch dafür brauchen sie fremde Lebensenergie.
Studentin Sine hat gerade erst erfahren, dass sie eine solche Wandelseele ist. Doch sie ist nicht imstande, ihren Drang, fremde Energie zu zehren, zu kontrollieren. Das macht sie zu einer Gefahr für ihre Mitmenschen.
Als der Scout Darius Korweyn sich ihrer annimmt, hofft sie auf Unterstützung durch ihresgleichen in einem Gildenhaus bei Paris. Sie findet Vertraute und sogar neue Freunde. Doch schon bald gerät sie in einen Konflikt der Mächtigen, der sie um ihr Leben fürchten lässt und sie zwingt, in die Katakomben von Paris hinabzusteigen.
Taschenbuch
ISBN: 978-3-946381-73-0
408 Seiten, Preis: 15,00 €
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ISBN: 978-3-946381-75-4 (epub)
Preis: 4,99 €
Leseprobe
»Wandelseele«
von Julia A. Jorges
(Seite 56 – 58)
»Wandelseele«
von Julia A. Jorges
(Seite 56 – 58)
11
Wo wollten bloß all diese Leute hin? Kilometerlang bewegten sie sich über die endlose, in diffuses Licht getauchte Ebene. Hunderte von Menschen – Männer, Frauen und Kinder – wanderten zielstrebig geradeaus, stumm, mechanisch. Sine blickte in leere Gesichter, in Augen, die durch sie hindurchsahen.
Sie sprach eine junge Frau an, die ihren Weg fortsetzte, ohne sie zu beachten.
»He!« Sine hielt mit ihr Schritt und versuchte es noch einmal. »Sie müssen mich doch sehen! Wohin gehen Sie?« Das Gesicht der Frau zeigte ein verzücktes Lächeln, doch Sine bekam keine Antwort, von niemandem, den sie fragte. Aber sie musste erfahren, worum es hier ging! Aus einem Grund, den sie selbst nicht kannte, war es äußerst wichtig. »Bleib stehen!« Sie packte den Arm eines Teenagers, ohne dafür Protest zu ernten. Der schlaksige Junge würdigte sie keines Blickes, sondern stapfte mit verdoppelter Anstrengung weiter, während Sine an seinem Arm hing. Sie ließ los und sah zu, wie er einem Ziel entgegenstrebte, das nur diesen Eingeweihten bekannt war, bis sein Körper in der Ferne mit den anderen verschmolz. Dieses wie ferngesteuerte Verhalten der Menge verhieß nichts Gutes.
Kaum hatte sich der Gedanke geformt, verdunkelte sich der Horizont wie unter den ersten Anzeichen eines verheerenden Unwetters. Etwas beobachtete die Wanderung der Menschen, etwas, das sich in der von Blitzen durchzuckten Ferne verbarg. Bizarr geformte Wolken zerrissen und nahmen das Aussehen von Händen an. Unvermittelt schossen die Wolkenfinger über die gewaltige Entfernung auf Sine zu.
Sie drehte sich um und rannte zwischen den hypnotisierten Gestalten hindurch. Die staubige Ebene flog unter ihr hinweg, aber sie kam nicht schnell genug voran. Schon war die grässliche Klaue über ihr, gleich würde sie sie packen …
Eine dröhnende Stimme zerschnitt die Stille und verwandelte ihr Herz in einen Eisklumpen. Eine Stimme mit der Macht, zu töten. Auch die anderen hörten sie und blickten suchend zum schwefelgelben Himmel auf. Sine lief weiter, sie wagte es nicht, sich umzuschauen, und wieder hörte sie Worte wie Donnerhall …
»Sine, wachen Sie auf«, sagte Darius. »Wir sind da.«
Nur mit Mühe schüttelte Sine das bedrückende Gefühl ab, das der Traum bei ihr hinterlassen hatte.
»Château Colline-Grise.« Darius deutete in die Nacht hinaus, während der Mercedes über einen langen Zufahrtsweg rollte. Lichter kamen in Sichtweite, in gerader Linie fuhren sie darauf zu. Seitlich des Weges wuchsen Bäume, deren kahle Äste im Strahl der Scheinwerfer schwarz glänzten. Hin und wieder holperte einer der Reifen in ein Schlagloch. Beim Näherkommen entpuppten sich die Lichter als zwei gusseiserne hohe Laternen, die ein altertümlich geschwungenes, nichtsdestotrotz wehrhaft aussehendes Tor bewachten, dessen Spitzen sich drohend in die Luft reckten. Dahinter zeichneten sich die Umrisse eines großen Gebäudes ab, in dem hinter einigen Fenstern noch – oder schon, es ging immerhin auf fünf Uhr morgens zu – Licht brannte.
…
(Seite 78 – 82)
Sie schritt zu einem Brunnen aus weißem Granit, dessen Schimmer sie durch die Zweige gesehen hatte. Die Form war einer Muschel nachempfunden. Er ruhte auf einem runden steinernen Podest und zwei Stufen führten zu ihm hinauf. Oben stehend reichte Sine sein Rand bis zur Taille. Aus dem Wasser blickte ihr ihr eigenes Gesicht entgegen.
Auf dem erhöhten Standort und nicht länger durch Hecken geschützt traf sie die volle Wucht des Sturmwinds. Er zerzauste ihr Haar, kräuselte das Wasser und zerbrach das Spiegelbild in glänzende Fragmente, die er durcheinanderwirbelte, als wolle er daraus etwas Neues zusammensetzen. Und wirklich, es entstand ein Bild. Das Gesicht einer Frau – nicht älter als Sine, aber mit jungenhaft kurz geschnittenem Haar –, die gehetzt um sich schaute.
Sine fuhr herum, doch da war niemand. Eine innere Stimme riet ihr wegzulaufen, aber ein anderer, stärkerer Impuls zwang sie, sich erneut dem Brunnen zuzuwenden, der, so ahnte sie jetzt, alles andere als ein gewöhnliches Wasserspiel war. Sie hatte sich etwas Besonderes im Zentrum des Irrgartens erhofft und sie hatte es gefunden.
Das Antlitz der jungen Frau trieb noch immer auf den kleinen Wellen.
Wer bist du?
Schon glaubte Sine, eine Antwort auf die Frage zu erhalten, von der sie nicht wusste, ob sie sie nur gedacht oder geflüstert hatte, denn plötzlich schien sie das fremde Spiegelbild direkt anzusehen. Aber dann lenkte etwas die Frau ab, ihr Kopf fuhr herum und sie hob einen Arm, wie um sich zu schützen. Ganz kurz sah sie sich noch mal um, dann öffnete sich ihr Mund zu einem lautlosen Schrei. Sine hatte das unbestimmte Gefühl, es sei ein Warnruf und er gelte ihr – da wallte das Wasser auf und verschlang das Bild.
Als die Oberfläche zur Ruhe kam, trieb aus der grünlichen Tiefe das Abbild eines Kindes empor. Anders als die Frau von eben sah Sine es aus größerer Entfernung, sodass sie nicht erkennen konnte, ob es sich um ein Mädchen oder einen Jungen handelte. Es rannte. Sein einfacher Kittel flatterte ihm um die Knie, dabei blickte es ängstlich über die Schulter. Der dunkle Schatten eines Waldes tat sich vor ihm auf und darin ein schmaler Pfad, den die kleine Gestalt einschlug. Für kurze Zeit konnte Sine dem hellen Gewand zwischen den dicht stehenden Stämmen folgen, dann entzog es sich ihrem Blick. Einen Augenblick später huschte etwas Dunkles, Riesenhaftes ins Bild. Sine zuckte zurück. Das Ding schien direkt vor ihr zu stehen – mit dem Rücken zu ihr. Doch schon entfernte es sich und verfolgte das Kind. Ein zottiger Rücken. Mantel oder Fell? Mensch oder Tier? Wenn sie nur erkennen könnte, um was es sich handelte.
Lauf schneller!, rief sie dem Kind in Gedanken zu.
Das Wasser zischte, als ob es kochte, um sich sofort wieder zu beruhigen. Statt des seltsamen Wesens zeigte der Brunnen nun ein golden schimmerndes Gesicht mit Zügen so glatt und reglos wie eine Maske. Seine mandelförmigen dunklen Augen starrten Sine an, als wüsste es um ihre Anwesenheit. Anders als bei den vorigen Szenen schien nicht sie selbst die Beobachtende zu sein, sondern vielmehr Objekt der Beobachtung.
Angst kroch in ihr hoch. Was ihr da aus dem Wasser entgegenblickte, war etwas abgrundtief Böses, trotz der makellosen goldenen Haut und den anmutigen Zügen. Es war jung und wirkte androgyn, obwohl Sine das vage Gefühl hatte, es müsse männlich sein.
Ihre Vermutung, es handle sich – trotz der Reglosigkeit – nicht um eine Maske, bestätigte sich, als sich die sinnlich geschwungenen Lippen teilten, um zu ihr zu sprechen. »DU GEHÖRST MIR.«
Sine überlief ein Schauder. Die laute Stimme war direkt in ihrem Kopf erklungen, ganz wie die, die sie manchmal im Traum hörte. Ihre Furcht verwandelte sich in Entsetzen und alles in ihr schrie, das Weite zu suchen, sich den schwarzen Augen zu entziehen. Ihre Hände gehorchten aber nicht, klammerten sich weiterhin am Rand des Brunnens fest. Sie konnte den Blick nicht abwenden. Ihr Körper stand vollkommen unter dem Bann des furchtbaren Gesichts, dessen Lächeln das Blut in den Adern gerinnen ließ.
Sein Wille begann Bilder auf das Wasser zu projizieren, Gesichter von Menschen, die Sine allesamt unbekannt waren, die jedoch ein Merkmal teilten: Ein seltsames Funkeln in den Augen, gepaart mit einem zu allem entschlossenen Ausdruck, der ihnen etwas Fanatisches verlieh. Erst als sich der Betrachtungswinkel des Geschehens unversehens erweiterte, wie durch einen Kamerazoom, wurde Sine klar, dass die Bilder ihrem Traum glichen, den sie auf der Fahrt zum Château gehabt hatte. Die Prozession von Menschen, die eintönige Landschaft, darüber der unwirklich schwefelgelbe Himmel, fernes Wetterleuchten. Ausgedörrte Erde, über die in endlosen Reihen Männer und Frauen schritten, gemeinsam und doch jeder für sich. Und alles hing mit dem goldfarbenen Gesicht zusammen, das Sine hinter dem Abbild der Ebene noch immer erahnen konnte. Es steuerte die Menschen, lockend, zwingend. Zu welchem Zweck?
Sie beugte sich tiefer hinunter, sog jede Einzelheit in sich auf und versuchte das Bild der Pilger zu durchdringen, um noch einmal einen Blick auf das fremdartige Antlitz zu erhaschen. Eine unerklärliche Sehnsucht ergriff von ihr Besitz. Sie wünschte, ebenfalls dort zu sein, sich in die Reihen einzugliedern und mit ihnen zu ziehen, hin zu dem gottgleichen Wesen. Dann würde alles gut werden. Es anzuschauen, seine goldene Haut zu berühren und seine Göttlichkeit anzubeten, würde die Erfüllung aller Wünsche bedeuten, selbst derer, die ihr noch unbekannt waren. Hatte sie wirklich geglaubt, es sei böse? Blanker Unsinn, zurückzuführen auf den instinktiven Schrecken vor dem Unbekannten. Nie konnte etwas schlecht oder gefährlich sein, dessen Anblick so wundervoll erhaben war, so absolut perfekt.
Ihre Augen brannten. Tränen liefen ihr die Wangen hinunter und tropften ins Wasser, jede einzelne ein Tribut an den Gott, eine Festigung ihres Bandes. ...
© Julia A. Jorges und Shadodex – Verlag der Schatten
»Wandelseele«
von Julia A. Jorges
ISBN (Taschenbuch):
978-3-946381-73-0
408 Seiten, Preis: 15,00 €
ISBN (epub): 978-3-946381-75-4
4,99 €
Angaben zur Produktsicherheit:
Hersteller:
Shadodex - Verlag der Schatten, Bettina Ickelsheimer-Förster
Ruhefeld 16/1, D-74594 Kreßberg-Mariäkappel
E-Mail: info@verlag-der-schatten.de
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